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Interview mit Hartmut Räder
Veröffentlicht am 3. Januar 2009 • Geschrieben von Ben • Kommentar schreiben »

Interview mit Hartmut Räder Vor 40 Jahren gründete Hartmut Räder sein Unternehmen. Seitdem entwickelt er Produkte, die Geschichten erzählen. In einem Interview mit dem Fachmagazin P & G erzählte er seine eigene Geschichte:

P & G: Sie haben in den vergangenen 40 Jahren – von der Produktlinie und von den Materialien her – ganz unterschiedliche Produkte und Produktlinien auf den Markt gebracht. Ganz anders beispielsweise als die Fa. Reisenthel, die sich auf Taschen, oder das Unternehmen Koziol, das sich auf das Material Kunststoff konzentriert hat. Vermissen Sie manchmal selbst so etwas wie einen roten Faden, der sich durch Ihre Kollektion zieht?

H. R.: Wir machen Produkte, die zu bestimmten Themen Geschichten erzählen. Das ist unser roter Faden. Zur Zeit konzentrieren wir uns auf das Thema Poesie. Das kann sich aber ändern. All diese Themen haben natürlich auch mit meinen persönlichen Interessen zu tun. Mit der Liebe zu authentischen Materialien und damit, Wege für eine neue Formgebung zu finden. Ich bin nicht nur auf ein bestimmtes Material oder ein bestimmtes Produkt spezialisiert. Das wäre mir auch zu langweilig. Und es würde nicht zu mir passen. Ich bin an so vielen Dingen interessiert: Kino, Theater, Musik, Literatur, Reisen….Ich bin vielfältig. So wie die meisten Menschen. Und das spiegelt auch meine Kollektion wider. Wir sind eine Lifestyle-Firma, die individuelle Produkte macht. Eben Produkte, die Geschichten erzählen. Und außerdem arbeite ich ja auch mit einem Team zusammen und aus diesem Team kommen natürlich auch die unterschiedlichsten Ideen. 
Aber auch wenn wir unterschiedliche Produkte herstellen und immer mal wieder neue Materialien verwenden, können uns unsere Kunden trotzdem erkennen. Das kann man etwa beim Verpackungsdesign oder den Karten sehr gut sehen. Die Karten sind zwar unterschiedlich, aber die Designsprache ist auch und gerade für den Endverbraucher als „typisch Räder“ erkennbar.

P & G: Sie sagen, dass die Entwicklung Ihrer Firma mit Ihrer persönlichen Entwicklung zu tun hat. Aber wahrscheinlich doch auch damit, dass Sie ein Gespür für den jeweiligen Zeitgeist haben.

H. R.: Ja, obwohl sich dieses Gespür nicht so äußert, dass wir Trends hinterher laufen. Wir machen selbst Trends. So waren wir in den 70er Jahren zum Beispiel die Ersten, die das Material Kork für Wohnaccessoires eingesetzt haben. Später kamen handgeschöpftes Papier und andere Materialien hinzu. Und vor acht Jahren waren wir auch die Ersten, die das Thema Poesie aufgegriffen haben. Man muss sich ständig erneuern, um man selbst zu bleiben und um das Gefühl für den Zeitgeist zu behalten.

P & G: Gab es in Ihrer 40jährigen Firmengeschichte auch Flops?

H. R.: Es gab zwei, drei Flops: Wir hatten zum Beispiel Blocks und Kladden aus Kunststoff. Das Design war hervorragend, aber die Produkte liefen trotzdem nicht. Auch ein Grillbesteck, dessen Griffe aus Kunststoff gefertigt waren, lief überhaupt nicht. Kunststoff ist einfach nicht mein Material. Unsere Kunden haben uns immer in Verbindung mit natürlichen Materialien wie z.B. Papier, Kork oder Glas gesehen.

P & G: Sie sind ein Autodidakt, haben also kein Design studiert. Und sind trotzdem erfolgreich in der Herstellung von Designprodukten. Was fehlt Ihrer Meinung nach im Designstudium? Was würden Sie Universitäten und Fachhochschulen empfehlen?

H. R.: Mir fällt auf, dass sich junge Designer nicht so mit Materialien und ihrer Wirkung bzw. mit den Kombinationsmöglichkeiten von Materialien auskennen. Da sollte mehr getan werden. Anscheinend haben dekorative Aspekte heute eine größere Bedeutung als früher. Und Designer sollten über wirtschaftliche Grundkenntnisse verfügen. Das versuche ich auch den Praktikanten zu vermitteln, die von der Hochschule zu uns in den Betrieb kommen. In den Betrieben gibt es eine andere Art von Kreativität als an der Hochschule. Für uns bedeutet Kreativität, dass wir zusammen sitzen, uns über unsere Ideen unterhalten und gemeinsam neue Ideen entwickeln.

P & G: „Made in Germany“ hat im Augenblick wieder Konjunktur. Viele Firmen werben damit, dass sie ihre Produkte in Deutschland herstellen lassen. Lassen Sie Ihre Produkte in Deutschland herstellen?

P & G: Einen Teil der Produkte lassen wir in Deutschland herstellen. Beispielsweise einige der Karten. Sie werden von insgesamt 5 Behindertenwerkstätten hergestellt. Aber Produkte, die viel Handarbeit erfordern – wie beispielsweise der Poesieblätterbaum, dessen Blätter mit Draht umwickelt und miteinander verbunden werden – sind in Deutschland einfach zu teuer. Das kostet ein Fünffaches von dem, was im Ausland hergestellt wird. Ein anderes Beispiel ist die „Perlen Lightline“, die aus insgesamt 38.000 Perlen gefertigt wird. Auch das wäre in Deutschland sehr teuer. Da sind Firmen, die ihre Produkte maschinell herstellen, besser dran. Das kann man auch in Deutschland machen. Wir haben übrigens auch Produkte, die zuerst in China und jetzt in Deutschland hergestellt werden. Z.B. die Tafelkarte. Einige deutsche Firmen sind beweglicher geworden und bieten günstigere Konditionen an. 
Und wir haben auch Produkte, die in China hergestellt und in Deutschland zusammengesetzt werden. Ich kann also gar nicht sagen, dass ich meine Produkte ausschließlich im Ausland oder ausschließlich in Deutschland herstellen lasse. Das ist eine Kombination aus beidem.

P & G: Kaufen Sie auch fremde Produkte im Ausland dazu oder entwickeln Sie die Ideen für Ihre Produkte alle selbst?

H. R.: Wir kaufen keine Produkte dazu. Es gibt unsere Design-Abteilung mit festangestellten Mitarbeitern und einem Stamm von spezialisierten freien Mitarbeitern.

P & G: Sie sehen sich also als Design-Firma?

H. R.: Ja, Wir gehörten beispielsweise in den 70er Jahren schon zu einem kleinen Kreis von Firmen, die stellvertretend für die Bunderrepublik und das westliche Design in der damaligen DDR und Ostberlin ausstellten. Auch in Moskau sind in der Zeit unsere Produkte als Beispiele für westliches Design ausgestellt worden.
Und natürlich haben wir im Laufe der Jahre auch viele Designpreise gewonnen. Die Serviettenringe aus der Serie „Poesie et Table“ sind etwa für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2009 nominiert worden. Und die Produkte „Red Paper Stars“, die „Lichthäuser“ und die „Paper Silhouettes“ gewannen im letzten Jahr den Preis „Form 2007“.
.
P & G: Zu Ihrer Firmenphilosophie gehört der Slogan „Räder macht Emotionen“ – ist Hartmut Räder ein emotionaler Mensch?

H. R.: Das ist nicht irgendein Slogan, den sich die Marketing-Abteilung ausgedacht hat. Ich zeige meine Gefühle wirklich. Ich bin kein cooler Business-Mensch. Ich halte nichts von Coolness, das ist eine Bremse der eigenen Persönlichkeit. Früher, mit 17 Jahren, fand ich den Film „Außer Atem“ mit Jean Paul Belmondo ganz toll. Der war cool…
Aber ich war auch immer Sportler und da braucht man Emotionen. Sonst ist man nicht gut. Ich lasse mich gern ergreifen. Ich muss gestehen, dass ich bei einigen Kino-Filmen sogar weine.
Ich möchte mit meinen Produkten Menschen erreichen. Ich habe Spaß an meiner Arbeit. Meine Mitarbeiter sind alle emotional. Wir machen Produkte mit Liebe und Leidenschaft.

P & G: Und welches Ihrer Produkte hat Sie in letzter Zeit besonders berührt?

H. R.: Die Poesiesteine, für die wir übrigens auch Preise erhalten haben. Es ist einfach schön, kleine Botschaften oder Alltagsphilosophien auf Steine zu schreiben. Das habe ich übrigens auch privat gemacht. Ich habe Steine beschrieben und sie dann per Post verschickt.

P & G: Mit den Poesiesteinen haben Sie Ihre Poesiekollektion begründet. Und Design definieren Sie auch als „die Poesie der Dinge“. Ist das Thema „Poesie“ inzwischen nicht schon wieder out?

H.R.: Das Thema Poesie ist noch lange nicht durch. Wir stehen erst am Anfang. In unserer Frühjahrskollektion 2009 gibt es zum Beispiel die Poesie-Blumengläser und auch neue Produkte aus unserer Serie „Poesie et Table“. Etwa Küchentücher und Rezeptbücher. Natürlich können wir irgendwann auch andere Schwerpunkte haben. Das ist ein fließender Prozess. Wir sind immer offen.
Was aber immer bleiben wird, ist die Liebe zur Sprache und zur Typografie.

P & G: Warum sind die Menschen von dem Thema „Poesie“ so begeistert?

H. R.: Alltagsweisheiten und Sprüche sind Alltagshelfer. Sie können trösten oder jemanden zum Lachen bringen. Und sie sind auch sehr individuell. Es gibt Aphorismen für jede Situation, in der man sich gerade befindet. Sie sind Kommunikationsmittel. Wie die Produkte, die sie transportieren.

P & G: Worauf sind Sie – wenn Sie auf die letzten 40 Jahre zurückblicken – besonders stolz?

H. R.: Ich bin stolz darauf, dass es die Firma Räder immer noch gibt. Und das ich immer das machen konnte, was ich wollte. Ohne mich zu verbiegen. Und natürlich bin ich auch stolz darauf, dass wir sehr viele Kunden haben, die unsere Philosophie mittragen und gern und mit großem Erfolg mit uns zusammenarbeiten.

Quelle: Räder Newsletter Dezember 2008

 




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